#1 - ABENTEUER AMERIKA




geschrieben von: Tina Ger

Frauenärzte sind Vertrauenssache. Wer mag dagegen Einwände haben? Ich lebe in Berlin – meiner Geburtsstadt – doch besuche seit einem Erweckungserlebnis vor ein paar Jahren eine Frauenärztin in München. Viele der Standarduntersuchungen, die sie vornimmt, waren mir völlig unbekannt, bis mich ein günstiger Wind nach München trug. Warum erzähle ich das alles? Ich stand letztes Jahr in den Startlöchern für eine längere Reise nach Nordamerika. Wenige Tage vor der Abreise – die Koffer gepackt, die Wohnung untervermietet – erfuhr ich von meiner Schwangerschaft. Schnell hörte ich in Endlosschleife: ‚Auweia! In Amerika ist das Gesundheitssystem unterirdisch!’ Mir wurde geraten, die Reise abzusagen, zumal Langstreckenflüge Schwangeren sowieso verboten seien. Ich war verunsichert und brauchte dringend Beratung, doch woher nehmen? Da für München keine Zeit mehr war, begab ich mich zu einer Berliner Frauenarztpraxis im sagenumwobenen Kinderbezirk Prenzlauer Berg, um mir die Meinung einer Fachkraft anzuhören.


Ich hatte Glück und erhielt einen kurzfristigen Termin. Nach etwa drei Stunden Wartezeit auf einer blanken Holzbank im überfüllten Wartezimmer, legte man mir einen Zettel vor, auf dem ich anzukreuzen hatte, welche Art der Vorsorge ich wünschte und welche Höhe der Zuzahlung auf mich zukäme. Ich stutzte. Wie sich herausstellte, hatte man den Grund meines Besuches vergessen. Als ich schließlich ins Sprechzimmer vorgelassen wurde, saß ich dort noch mal eine halbe Stunde. Die Frauenärztin war zu Tisch. Wohlgemerkt hatte ich meinen ursprünglichen Termin um 09.00 Uhr morgens – weit entfernt von der Mittagszeit. Nachdem die Ärztin gestärkt von der Pause kam, erklärte ich mein Anliegen. Was war aus medizinischer Sicht zu beachten? Die Frauenärztin lachte, legte die Hände in den Nacken und warf mir strahlend zu: ‚Wie sehen denn die Rücklagen aus? Wenn Sie 20.000 € zu viel haben, können Sie gerne in den USA entbinden.’ Ich verdeutlichte, dass ich keine finanzielle Beratung vor Augen hatte, sondern eine medizinische Einschätzung suchte. Wie sah es mit dem Flug aus? Gab es Risiken? Diesbezüglich schien es keine Richtlinien zu geben. Die Ärztin bemühte Allgemeinplätze über Strahlenbelastung und Thrombose, bevor sie sich vom Stuhl schwang, um die Schwangerschaft zu verifizieren. Ich war bereits in der siebten Woche und lauschte dem kleinen Herzen. Sie notierte die Vitalzeichen des ungeborenen Lebens und schlug vor, alles Weitere auf meinen nächsten Besuch zu vertagen. Vertagen...? Ich flog doch bald! Sie verwies auf ihr Mobiltelefon. Das klingelte schon zum dritten Mal, da müsse sie ran. Ich hatte noch einige Fragen, weshalb sich die Ärztin auf die Straße entschuldigte und vor dem Fenster der Praxis auf und ab ging. Nach zwanzig Minuten beehrte sie mich wieder. Sie hatte in der Zwischenzeit mit der Sprechstundenhilfe gesprochen. Man würde einen raschen Mutterpass ausstellen. Damit reichte sie mir die Hand und wünschte: ‚Gute Reise!' Wurde ich gerade rausgeworfen? Bevor ich so richtig verstand, was da um mich herum geschah, nahm die Ärztin einen erneuten Telefonanruf an. Weitere Minuten Wartezeit verstrichen. Als sie schließlich zurückkam, eröffnete sie: ‚Es macht jetzt keinen Sinn weiter zu sprechen. Wir wissen ja gar nicht, ob sie schwanger bleiben.’


Ich gestehe ehrlich, dass ich nach diesem durchaus verstörenden Besuch einer Berliner Frauenärztin Fluchtgedanken entwickelte. Wo wurde man schon mit dem deutlichen Verweis auf eine Fehlgeburt der Praxis verwiesen...? Nach anfänglicher Panik fand ich zu meinem Selbstbewusstsein zurück. Was hatte ich erwartet? So recherchierte ich die Risiken eines Langstreckenflugs also selbst und wagte den großen Schritt über den großen Teich. Zurück ließ ich eine ziemlich unschöne Erfahrung, die mich – ja, klingt verrückt – in meiner Entscheidung bestärkte. Mir verblieb nach dem Besuch der Ärztin im Prenzlauer Berg der Eindruck, die Talsohle medizinischer Beratung und Vorsorge betrachtet zu haben. Es konnte nur bergauf gehen!